Tag 2 – Zwischen Kontrolle und Kreativität mit dem Blazar Mantis 50mm Anamorphic
Am zweiten Tag wollte ich das Objektiv bewusster einsetzen und unter anderen Bedingungen testen. Dafür ging es in die Bonn-Umgebung, auf einen offenen Parkplatz mit viel Raum im Hintergrund. Mir war wichtig, diesmal nicht nur Details aufzunehmen, sondern auch zu verstehen, wie das Objektiv in einer Totale wirkt – also mit viel Umgebung und klarer Bildstruktur.
Ich war gegen 18 Uhr vor Ort, eine Zeit, in der das Licht weich wird, aber noch genug Zeichnung im Bild vorhanden ist. Genau diese Mischung aus Tageslicht und beginnendem Abendlicht eignet sich perfekt, um ein Gefühl für Farben, Kontraste und die allgemeine Bildwirkung zu bekommen.
Blazar Mantis
Sigma - Fotoobjektiv
Ein zentraler Punkt für mich war der direkte Vergleich zu einem klassischen 50mm Fotoobjektiv von Sigma. Ich habe bewusst eine Totale gewählt, bei der das Motiv mittig steht und der Hintergrund eine große Rolle spielt. Schon nach wenigen Aufnahmen wurde deutlich, dass der Unterschied nicht nur subtil ist. Das anamorphe Objektiv verändert die gesamte Bildwirkung. Die Ränder wirken leicht gezogen, das Bild bekommt automatisch mehr Breite und Tiefe, und alles fühlt sich deutlich filmischer an. Ein normales 50mm hingegen bleibt technisch sauber, scharf und zuverlässig – aber genau dieser cineastische Charakter fehlt.
Natürlich stellt sich die Frage, ob man diesen Look nicht auch künstlich erzeugen kann. Theoretisch wäre das möglich, etwa durch Cropping auf ein breiteres Format oder durch KI-gestützte Erweiterung der Bildränder. In der Praxis merkt man jedoch schnell, dass etwas fehlt. Die Bilder wirken weniger organisch, die Tiefe stimmt nicht ganz, und vor allem das Verhalten von Licht – insbesondere bei Reflexionen und Flares – lässt sich nicht authentisch nachbilden. An dieser Stelle wird klar, dass es sich nicht einfach um einen Effekt handelt, sondern um eine physikalische Eigenschaft des Objektivs.
Zu Beginn habe ich viele Aufnahmen mit dem Stativ gemacht, um möglichst kontrolliert zu arbeiten. Das funktioniert auch, solange man eine klare Idee oder ein konkretes Bild im Kopf hat. Ohne Bewegung im Bild entsteht jedoch schnell der Eindruck eines Fotos, selbst wenn es sich eigentlich um Video handelt. Erst als ich angefangen habe, aus der Hand zu filmen, hat sich das Ganze verändert. Plötzlich entstanden neue Perspektiven, spontane Bewegungen und kleine, fast unbewusste Anpassungen im Winkel, die dem Bild deutlich mehr Leben gegeben haben.
Ich habe angefangen, kleine Szenen einzubauen – wie das langsame Zugehen auf das Motorrad, das Aufsteigen oder das Starten. Nichts Übertriebenes, eher ruhige, kontrollierte Bewegungen. Genau in diesen Momenten entfaltet das Objektiv seine Stärke. Es geht weniger um Perfektion, sondern vielmehr um Gefühl und Timing
Dabei bin ich relativ schnell auf die größte Herausforderung gestoßen: den Fokus. Ich habe zunächst viel mit offener Blende bei f/2.0 gearbeitet, um den Look maximal auszureizen. Die geringe Tiefenschärfe sorgt zwar für eine sehr schöne Freistellung, macht das Fokussieren aber extrem schwierig. Sobald sich nicht nur die Kamera, sondern auch das Motiv bewegt, wird es schnell unkontrollierbar. Der Fokus liegt dann nur noch für einen kurzen Moment exakt, bevor er wieder verloren geht.
Dabei bin ich relativ schnell auf die größte Herausforderung gestoßen: den Fokus. Ich habe zunächst viel mit offener Blende bei f/2.0 gearbeitet, um den Look maximal auszureizen. Die geringe Tiefenschärfe sorgt zwar für eine sehr schöne Freistellung, macht das Fokussieren aber extrem schwierig. Sobald sich nicht nur die Kamera, sondern auch das Motiv bewegt, wird es schnell unkontrollierbar. Der Fokus liegt dann nur noch für einen kurzen Moment exakt, bevor er wieder verloren geht.
Erst als ich die Blende auf etwa f/4 geschlossen habe, wurde das Ganze etwas beherrschbarer. Der Spielraum im Fokus wird größer, und man hat mehr Kontrolle über die Aufnahme. Trotzdem bleibt es anspruchsvoll, vor allem wenn man – so wie ich – vorher hauptsächlich mit Autofokus gearbeitet hat. Mit manuellem Fokus arbeitet man deutlich bewusster. Man denkt mehr voraus, achtet stärker auf Bewegungen und entwickelt ein anderes Gefühl für das Bild.
Gerade dieser bewusste Umgang hat aber auch seinen Reiz. Man merkt, dass man sich intensiver mit dem beschäftigt, was man filmt. Es geht nicht mehr nur darum, einen Moment einzufangen, sondern ihn aktiv zu gestalten.
Was den Look angeht, hat mich das Objektiv komplett überzeugt. Die Bilder wirken weich, aber nicht unscharf, die Farben sind angenehm und stimmig, und das gesamte Bild hat eine Tiefe, die man so mit einem normalen Objektiv nur schwer erreicht. Das leicht bewölkte Licht hat dabei perfekt unterstützt. Es gab keine harten Schatten, sondern eine gleichmäßige Ausleuchtung, die dem Bild Ruhe gegeben hat.
Gegen 20 Uhr wurde es dann dunkler, und ich wollte unbedingt noch einen bestimmten Effekt einfangen: einen echten anamorphischen Lens Flare – allerdings nicht von der Sonne, sondern vom Motorradlicht. Genau in dieser Dämmerungsphase hat das perfekt funktioniert. Der Flare war sauber, horizontal und wirkte komplett natürlich. Das war einer dieser Momente, in denen man merkt, dass sich der Aufwand lohnt. Gerade im Video lässt sich so etwas nicht überzeugend nachbilden. Es wirkt einfach anders, wenn es direkt im Bild entsteht.
In dieser Phase haben wir auch mit Silhouetten gearbeitet. Der Fahrer wurde von hinten gefilmt, während der Himmel noch leicht sichtbar war. Das Motiv selbst blieb dunkel, fast anonym. Dadurch entsteht eine ganz eigene Stimmung – ruhig, etwas geheimnisvoll und sehr filmisch. Besonders interessant war, dass selbst kleine Veränderungen in der Perspektive sofort eine andere Wirkung hatten. Es gab kaum Aufnahmen, die „nicht funktioniert“ haben. Fast jede Einstellung hatte ihren eigenen Charakter.
Wenn es um Fotografie geht, würde ich das Objektiv eher als Spezialwerkzeug sehen. Es ist definitiv möglich, damit interessante Bilder zu machen, und der Look ist auch hier sichtbar. Trotzdem wirkt es im Fotobereich weniger sinnvoll, da es im Alltag zu unpraktisch ist und es einfachere Wege gibt, ähnliche Ergebnisse zu erzielen.
Im Videobereich dagegen spielt es seine Stärken voll aus. Bewegung, Licht und Perspektive arbeiten zusammen und erzeugen eine Bildsprache, die deutlich hochwertiger und emotionaler wirkt. Interessant ist auch, dass man aus den Videos problemlos einzelne Frames als Bilder nutzen kann. Für Social Media reicht die Qualität absolut aus, auch wenn sie nicht für große Drucke gedacht sind.
Preislich liegt das Objektiv ungefähr im Bereich von 900 bis 1000 Euro, was für das, was man bekommt, durchaus fair ist. Ich würde wahrscheinlich mit einem gebrauchten Objektiv starten und später überlegen, ein komplettes Set aufzubauen. Da das Objektiv noch relativ neu ist, ist der Gebrauchtmarkt allerdings aktuell noch recht überschaubar.
Am Ende bleibt vor allem ein Eindruck:
Dieses Objektiv verändert nicht nur das Bild, sondern auch die Art, wie man filmt. Es zwingt einen dazu, bewusster zu arbeiten, eröffnet aber gleichzeitig neue kreative Möglichkeiten. Ich habe schnell gemerkt, dass ich damit mehr machen möchte – sei es mit Motorrädern, Autos, Hunden oder auch bei Events.
Ich habe vorher oft versucht, diesen Look mit klassischen Mitteln zu imitieren, durch Cropping oder gezieltes Colorgrading. Das funktioniert bis zu einem gewissen Punkt. Aber nachdem ich mit einem echten anamorphischen Objektiv gearbeitet habe, wird klar, dass es sich dabei um etwas grundlegend anderes handelt.
Es ist nicht einfach nur ein Look.
Es ist eine eigene Bildsprache.